„Wir machen Dichtungen – machen Sie mit!“ lautete 1980 ein Werbeslogan, großflächig an der Wilhelmsburger Industriestraße aufgestellt und brachte prägnant auf den Punkt, was seit 1913 bei Merkel am Veringkanal produziert wurde. Der Firmengründer Heinrich Martin Merkel, der das Unternehmen schon 1899 in Hannover gegründet hatte, beschrieb es folgendermaßen: „Gemeint sind jene Dichtungen für Maschinen und Dampfkessel-Anlagen, die seit den Zeiten des James Watt damals noch von Hand geflochten wurden, mehr schlecht als recht, und allenfalls als Improvisation, aber nicht als Lösung eines technischen Problems betrachtet werden konnten.“ Eine gute Geschäftsidee also zu Beginn der Industrialisierung. 1901 hatte die Firma schon Verkaufsfilialen in Italien, Spanien und Russland.
Mit einer 60-köpfigen Belegschaft begann 1913 die Produktion von geflochtenen Stopfbuchspackungen, Asbest-Kautschukwaren und technischen Fett-Präparaten in Hamburg-Wilhelmsburg. Eine Asbest-Spinnerei und -Weberei sowie die Fabrikation technischer Gummiwaren kamen 1919 hinzu, der Betrieb beschäftigte nun 120 Menschen. 1924 verlegte die Firma ihre Verwaltung an den Besenbinderhof im Zentrum Hamburgs. Ab Mitte der 1930er Jahre produzierte Merkel auch Automatic-Dichtungen, neue Gebäude auf dem Gelände zwischen Sanitasstraße und Veringkanal wurden errichtet.
In der NS-Zeit expandierte der Betrieb weiter, fast 400 Menschen arbeiteten jetzt bei Merkel. Während des Zweiten Weltkrieges beschäftigte die Firma – wie alle kleinen und großen Industriebetriebe in Wilhelmsburg und Hamburg – Zwangsarbeiter in der Produktion. Von 1942 bis 1945 arbeiteten 48 russische Zwangsarbeiterinnen hier. Die Firma Merkel hat im Jahr 2002 ihre Verantwortung wahrgenommen und in den Entschädigungsfonds für ehemalige Zwangsarbeiter/innen eingezahlt.
Mehrere Bombenangriffe zerstörten 1944 rund 80 Prozent der Produktionsanlagen. Ab 1945 begann der Wiederaufbau der Fabrikgebäude am Veringkanal. Es entstanden moderne Produktionsanlagen, und ein neues Verwaltungsgebäude kam dazu. Aus den Akten des Betriebsrats geht hervor, dass die Firma Merkel – was die Arbeitnehmervertretung im Betrieb anbelangt – ihrer Zeit weit voraus war: Gewinnbeteiligung, Urlaubsgeld und Treueprämie wurden eingeführt in einer Zeit, als dies noch nicht tariflich geregelt war. 1961 expandierte Merkel mit einem Werk in Buchholz/ Nordheide. Die Sturmflut-Katastrophe 1962 brachte einen Rückschlag und richtete große Schäden im Betrieb in Wilhelmsburg an.
Im deutschen Wirtschaftwunder gelang der Firma ein weiterer Aufstieg, der sich in wachsender Belegschaft und immer größeren Umsatzzahlen niederschlug. 1972 weihte die Firma Merkel mit über 1200 Mitarbeiter/innen und 500 Gästen ihr neues Werk an der Industriestraße, Ecke Neuhöfer Straße ein: 17.900 qm neue Produktionsanlagen. Nur die Firmenverwaltung blieb auf dem Gelände an der Sanitasstraße. In den 1980er-Jahren gingen die Beschäftigtenzahlen deutlich zurück.
1996 gab Merkel den Standort an der Sanitasstraße/Veringkanal endgültig auf. Das Unternehmen hatte jetzt nur noch ca. 300 Beschäftigte. Die Firma fusionierte mit der Freudenberg & Co KG aus Weinheim. Seit dem 30. Juni 1997 ist Merkel aufgegangen in der „Merkel Freudenberg Fluidtechnic GmbH“, und produziert weiterhin am Standort Industriestraße in Wilhelmsburg.
Quellen:
Merkel-Firmenbroschüren 1956, 1976 (Bericht nach 75 Jahren), R. Michaelis, G. Wittke: Ein Jahrhundert Industrie- und Hafenbezirk Harburg-Wilhelmsburg, 1956, E. Reinstorf: Geschichte der Elbinsel Wilhelmsburg, 1955, und Informationen von Merkel Freudenberg Fluidtechnic GmbH
